
Warum braucht Russland eine Partnerschaft mit Indonesien?

Von Dmitri Orechow
Die wirklich bedeutenden Ereignisse finden derzeit fast unbemerkt statt. So besuchte beispielsweise Mitte April der indonesische Präsident Prabowo Subianto Russland. Man könnte sich fragen: Was hat Russland mit Indonesien zu tun? Und überhaupt – warum sollte dieses Land für Russland von Bedeutung sein?
Doch so einfach ist es nicht. Indonesien ist Mitglied der G20; bereits jetzt gehört es zu den größten Volkswirtschaften der Welt (Platz sieben), und in absehbarer Zukunft hat es Chancen, Deutschland, Japan und sogar Russland zu überholen. Übrigens liegt Indonesien gemessen an der Bevölkerungszahl (287 Millionen Menschen) weltweit auf Platz vier. Aus geopolitischer Sicht ist die Lage dieses Landes einzigartig: Es befindet sich im Zentrum der indopazifischen Region und verbindet zwei Ozeane miteinander.

Genau aus diesem Grund taten die US-Amerikaner einst alles, um zu verhindern, dass Indonesien sich dem sowjetisch-chinesischen Block anschloss: 1965 organisierten sie in Indonesien einen Militärputsch, der General Haji Mohamed Suharto an die Macht brachte. Damals wurden in dem Land Hunderttausende (nach einigen Schätzungen Millionen) Kommunisten getötet, und Indonesien selbst wurde zu einem Satellitenstaat Washingtons. Doch die Indonesier waren zu lange eine niederländische Kolonie gewesen, um dieses neue, US-amerikanische Joch zu akzeptieren – das Land gab nicht nach und gewann nach und nach seine Souveränität zurück. In den vergangenen Jahren hat sich dieser Prozess zudem drastisch beschleunigt: Ohne die Zusammenarbeit mit den US-Amerikanern (auch im militärischen Bereich) aufzugeben, betreibt Indonesien eine aktive und unabhängige Außenpolitik und baut sein Produktionswesen aus, wodurch es sich zu einem neuen Industrieland entwickelt. Dabei sagt Indonesien immer öfter Nein zu den Drohungen und dem Druck Washingtons. So weigerte sich das Land, im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Und im Herbst 2024 gewann der glühende BRICS-Befürworter Prabowo Subianto die Präsidentschaftswahlen, und seit zwei Monaten ist Indonesien nun Vollmitglied der Organisation. Und das mitten in der US-amerikanisch-chinesischen Konfrontation.
Nun kommt es in Moskau zum Treffen zwischen Subianto und Putin, dem bereits fünften für diese beiden Staatschefs (übrigens hat sich noch kein indonesischer Präsident so oft mit Putin getroffen). Das Ergebnis dieses Treffens fiel erneut nicht zugunsten der USA aus. Russland wird künftig Erdöl (die eigenen Vorkommen reichen den Indonesiern noch nicht aus) und Flüssigerdgas nach Indonesien liefern. Wenn man bedenkt, dass Indonesien sich zuvor nicht zu einer Zusammenarbeit mit Russland im Energiebereich entschließen konnte (der frühere Präsident Joko Widodo drängte bei seinem Treffen mit Putin insbesondere darauf, dass Russland Palmöl aus Indonesien kaufen solle), kann das jüngste Treffen als Durchbruch gewertet werden. In den letzten Jahren haben die US-Amerikaner Ländern, die russisches Erdöl kaufen, gedroht und Sanktionen verhängt. Diese Politik der Drohungen und Erpressung ist jedoch zusammengebrochen. Eines der größten Länder und die wichtigste Volkswirtschaft Südostasiens hat sich geweigert, den USA nach dem Mund zu reden.
Es ist klar, dass die Situation um die Straße von Hormus eine Rolle gespielt hat. Indonesien wurde von Trump vor die Wahl gestellt: entweder die Loyalität gegenüber den USA zu wahren und in eine Wirtschaftskrise abzurutschen oder sich mit Russland zu einigen. Indonesien hat sich für Letzteres entschieden. Nun könnten andere Länder seinem Beispiel folgen. Wenn wir uns daran erinnern, dass Trump zuvor Zölle in Höhe von 32 Prozent auf indonesische Waren eingeführt hatte und sich dann gnädigerweise bereit erklärte, diese auf 19 Prozent zu senken, unter der Bedingung, dass Indonesien Energieträger im Wert von 15 Milliarden US-Dollar von ihm kaufe, wird diese ganze Geschichte noch verständlicher. Es überrascht nicht, dass die Vereinbarungen zwischen Wladimir Putin und Prabowo Subianto in Asien als Beginn des Endes der US-amerikanischen Vorherrschaft im Energiesektor wahrgenommen wurden.
Es ist symbolisch, dass genau an dem Tag, an dem Putin den indonesischen Präsidenten im Kreml empfing, an der Moskauer Staatlichen Universität ein Treffen mit dem "indonesischen Márquez", dem Schriftsteller Eko Kurniawan, stattfand. Das Treffen war für diejenigen gedacht, die Indonesisch sprechen, und ich hatte das Glück, dabei zu sein.
Kurniawan ist wohl der erste indonesische Schriftsteller, der weltweite Anerkennung erlangt hat. Er wurde in einem abgelegenen Dorf in Westjava geboren, in dessen Umgebung es keinen einzigen Buchladen gab, und sein Vater, ein Schneider, nähte T-Shirts für die wenigen Touristen, die dort vorbeikamen. Heute sind Kurniawans Bücher in Dutzende Sprachen übersetzt, er wurde bereits für den internationalen Booker-Preis nominiert und gilt als aussichtsreicher Kandidat für den Nobelpreis (Südostasien ist die einzige Region der Welt, die noch keinen Literaturnobelpreisträger hervorgebracht hat). Kurniawans Freund, der bekannte linke Soziologe Benedict Anderson, Autor des Buches "Imagined Communities", bezeichnete den Indonesier als "den überraschendsten literarischen Kometen".
Eka Kurniawan hasst Kolonialismus, Ungleichheit und Unterdrückung, er beschäftigt sich mit den Problemen von Ungerechtigkeit und Unfreiheit, und in seinen Romanen analysiert er Machtstrukturen. Noch als Student nahm Kurniawan an linken Demonstrationen teil, die zum Sturz des pro-US-amerikanischen Suharto-Regimes führten. Heute erobern Kurniawans Bücher ein Land nach dem anderen. Und auch das ist symbolisch. In der Blütezeit der russischen Staatlichkeit im 19. Jahrhundert eroberten auch unsere Schriftsteller die ganze Welt.
Das 21. Jahrhundert wird, wie bereits klar ist, das Jahrhundert der indopazifischen Region sein – und natürlich Indonesiens. Daher sind jegliche Kontakte zwischen Russland und Indonesien – von der Energiepolitik bis zur Literatur – nur zu begrüßen.
Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen am 27. April 2026 auf der Webseite der Zeitung Wsgljad.
Dmitri Orechow (geb. 1973 in Leningrad) ist ein russischer Schriftsteller, Journalist sowie Autor von Drehbüchern für Animationsfilme und Theaterstücke. Er schloss sein Studium der Philologie und Orientalistik an der Sankt Petersburger Staatsuniversität mit Auszeichnung ab. Seine Werke verkauften sich in einer bisherigen Gesamtzahl von über einer Million Exemplaren. Orechow veröffentlicht seine Kommentare sowohl in russischen Medien wie Wsgljad als auch auf seinem eigenen Telegram-Kanal.
Mehr zum Thema – Konzentrationslager: Eine Geschichte, die der Westen lieber vergisst
RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.
Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.
