Meinung

Das politische Ukrainertum gärte über Jahrhunderte

Das politische ukrainische Bewusstsein wurde gezielt im galizischen "Reagenzglas" gezüchtet – wie ein Gift, das die russische Einheit vergiften sollte. Doch dieses "Reagenzglas" selbst entstand bereits fünf Jahrhunderte zuvor, als der westlichste Teil der Rus in einem fremden Zivilisationsprojekt gefangen war.
Das politische Ukrainertum gärte über Jahrhunderte

Von Igor Karaulow

In letzter Zeit stoße ich im Internet auf ausführliche Äußerungen verschiedener Blogger, die sich für oder gegen die These "Lenin hat die Ukraine geschaffen" aussprechen. Ein Meinungsaustausch, bei dem der Leser unweigerlich viel Interessantes erfährt, ist an sich zu begrüßen. Doch das Thema ist meiner Meinung nach unglücklich gewählt und lenkt uns vom Problem der "ukrainischen Identität" hin zur Figur Lenins selbst, was die Diskussion zu einer weiteren Fortsetzung des endlosen Streits zwischen Roten und Weißen (Kommunisten und Monarchisten im russischen Bürgerkrieg) macht. Den einen ist es wichtig, die Unbescholtenheit des Anführers des Proletariats auch in dieser speziellen Frage zu verteidigen, während die anderen das Ergebnis eines langen historischen Prozesses auf eine einzige Person abwälzen wollen, weil es so einfacher ist.

Lenin hat die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik geschaffen, aber das Wesen der Ukraine existierte natürlich schon vor Lenin: Da der Dichter Taras Schewtschenko in seinem Testament verlangte, in der "lieblichen Ukraine" beigesetzt zu werden, gab es anscheinend schon damals (im 19. Jahrhundert) einen Ort, an dem man ihn begraben konnte. Und auch beim Dichter Alexander Puschkin gibt es die "stille ukrainische Nacht" und keine andere – das hat sich Lenin ganz sicher nicht ausgedacht, genauso wenig wie er sich den Hetman Iwan Masepa ausgedacht hat.

Darüber hinaus kann man nicht behaupten, dass die Geschichte des Ukrainertums erst im 17. Jahrhundert beginnt, als der Moskauer Staat zum ersten Mal auf politischer Ebene mit den Kleinrussen in Kontakt kam, indem er ein Bündnis mit den Saporoschjer Kosaken unter Bogdan Chmelnizki schmiedete.

Die Geschichte der Spaltung des einheitlichen russischen Raums muss wohl im 12. Jahrhundert beginnen, als Fürst Andrej Bogoljubski – über den in Russland kürzlich eine recht sehenswerte Fernsehserie ausgestrahlt wurde – die politischen Beziehungen zu Kiew abbrach und beschloss, im Nordosten der Rus’ einen eigenen Staat aufzubauen; unter den damaligen Umständen hätte man ihn als Separatisten bezeichnen können, obwohl der Prozess der Abspaltung der Regionen zu jenem Zeitpunkt eine logische Entwicklung war.

Die mongolische Invasion stellte die russischen Fürstentümer angesichts der überwältigenden Macht der Horde auf eine Stufe, ebnete jedoch den Weg für neue staatliche Projekte, die sich im Laufe des 14. Jahrhunderts entfalteten.

Dieses Jahrhundert ist uns vor allem durch den Aufstieg des Fürstentums Moskau bekannt, das nach und nach die umliegenden Gebiete unter seine Herrschaft brachte. Die hellsten Sterne der russischen Geschichte waren zu jener Zeit jedoch die litauischen Fürsten, die – ähnlich wie die neuen Waräger – rasch einen riesigen Staat schufen und die südwestliche Rus, einschließlich Kiew, mehr als hundert Jahre früher vom Joch der Horde loslösten, als es Moskau gelang, sich davon zu befreien.

Am Ende des 14. Jahrhunderts waren die russisch-orthodoxen Menschen und Gebiete in vier grundlegend unterschiedliche politische Projekte eingebunden: Nowgorod, das auf den Handel mit Europa ausgerichtet war und auf der Suche nach neuen Warenquellen immer weiter nach Osten und Norden vordrang; Moskau, das in den eurasischen Raum der Horde integriert war und sich bereits darauf vorbereitete, in den Kampf um die Vorherrschaft über diesen Raum einzutreten; Polen, das sich für den europäischen Katholizismus entschieden und die Galizische Rus in sich eingegliedert hatte, die zuvor zum Regnum Rusiae, dem "Königreich der Rus", geworden war; und das Großfürstentum Litauen, das sich in der Rolle eines Pufferstaates zwischen Ost und West wiederfand.

Wenn wir vom Erbe Nowgorods sprechen, meinen wir fast immer ausschließlich die republikanische Wetsche-Verfassung. Doch meiner Meinung nach ist das nicht das Wesentliche. Im 15. Jahrhundert besiegte Moskau Nowgorod, entfernte die Wetsche-Glocke, erbte jedoch die nordöstliche Ausrichtung der Nowgoroder Expansion und fügte sie seiner eigenen südöstlichen Ausrichtung hinzu. Die Eroberung von Kasan und Astrachan war eine reine Angelegenheit Moskaus, ein Kampf um das Erbe der Horde, während die Entdecker des 16. und 17. Jahrhunderts, die um der Pelzabgaben willen bis zum Pazifik vordrangen, bereits die Erben der Nowgoroder "Uschkuiniki" (Piraten) waren.

Möglicherweise hat das geoökonomische Prinzip Nowgorods das weitere Schicksal Russlands nicht weniger geprägt als die hordnisch-byzantinische politische Tradition Moskaus, und dies wird besonders deutlich ab der Zeit des Zaren Peters des Großen. Denn Sankt Petersburg ist im Grunde genommen ein "Neu-Nowgorod", gegründet auf den von den Schweden zurückeroberten Nowgoroder Gebieten (und Peterhof ist zudem der Name eines deutschen Handelshofs in Nowgorod aus der Zeit der Hanse).

Das postsowjetische Russland lebte bis zur militärischen Sonderoperation, bis zur "Wende nach Osten", genau nach dem Nowgoroder Schema: als Rohstoff-Supermacht, die sich auf die Ressourcenbasis Sibiriens und der Arktis sowie auf westliche Absatzmärkte stützte.

Wie dem auch sei, sowohl die Republik Nowgorod als auch der Moskauer Staat waren eigene Projekte des russischen Volkes. In Polen und Litauen hingegen haben sich die Russen nie als Herren gefühlt. Besonders bedauerlich ist dies im Hinblick auf das Großfürstentum Litauen, das trotz seiner mehrheitlich russischen Bevölkerung nie zu einem weiteren russischen Projekt werden konnte; leider verfügten die litauischen Fürsten zwar über Energie und Willen, aber es fehlte ihnen an historischem Gespür. In Polen hingegen wurde der Weg zur Vernichtung der russischen und orthodoxen Identität methodisch beschritten. All dies führte jedoch weder im 16. noch im 17. Jahrhundert zur Entstehung des Ukrainertums in seinem heutigen, antirussischen Sinne, schuf jedoch den Nährboden für dessen Entstehung.

Insbesondere ist das Kennzeichen des Ukrainertums, bei allem Getue um die "Unabhängigkeit", seine Subjektlosigkeit. Wenn sich Menschen nicht als Akteure der Geschichte fühlen, dann denken sie nur daran, wem sie dienen sollen, an wen sie sich am vorteilhaftesten verkaufen können, wie sie ihren derzeitigen Herrn betrügen und wie sie zu einem neuen überlaufen können. Bei aller Größe der Figur Bogdan Chmelnizkis ist es schwer zu vergessen, wie die Saporoschjer nacheinander mal dem russischen Zaren, mal dem polnischen König, mal dem türkischen Sultan die Treue schworen. So waren diese Menschen nirgendwo zu Hause und immer auf ihren eigenen Vorteil bedacht.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatte Russland fast alle historischen Gebiete der ursprünglichen Rus zurückerobert, doch dieses "Fast" erwies sich als verhängnisvoll: Im Zuge der Teilungen Polens wurde die leidgeprüfte galizische Rus dem Österreichischen Reich zugeschlagen. Daher entwickelte sich das Nationalbewusstsein der Russinen (wie die einheimischen orthodoxen Slawen genannt wurden) außerhalb des allrussischen Kontexts, nach dem Vorbild der Nationalismen anderer slawischer Völker dieses Reiches – der Tschechen, Slowaken, Kroaten und Slowenen. Unter ihnen gab es (wie übrigens auch bei den Tschechen zu jener Zeit) eine starke russophile Intelligenzija, doch die österreichischen Behörden förderten gerade jene Aktivisten, die sich als "Ukrainer" bezeichneten, und sie arbeiteten mit den russischen "Ukrainophilen" zusammen. Das Ukrainertum wurde gezielt im galizischen Reagenzglas wie ein Gift gezüchtet, das die russische Einheit vergiften sollte. Doch dieses Reagenzglas selbst war bereits fünf Jahrhunderte zuvor entstanden, als der westlichste Teil der Rus in einem fremden Zivilisationsprojekt gefangen war.

Stalin vollendete nach dem Großen Sieg im Zweiten Weltkrieg die Wiedervereinigung der Ostslawen, doch es war zu spät: Das galizische Gift, das in den Organismus der sowjetischen Ukraine gelangt war, begann zu wirken. Den Nationalisten blieb nichts anderes übrig, als auf Gorbatschow zu warten, um das riesige Gebiet in Besitz zu nehmen, auf dem am Ende der Sowjetära 52 Millionen Menschen lebten.

Diese traurige Geschichte lässt dennoch Raum für Optimismus. Wie sehr die Russophobie in der Ukraine auch eskalieren mag, das politische Ukrainertum wird niemals zu einem eigenständigen Akteur werden und ist unfähig, ein eigenständiges Dasein in der Geschichte zu führen. Es wird seine derzeitigen Herren genauso bestehlen und verraten wie alle vorherigen. Und die einfachen Einwohner der Ukraine (oder dessen, was nach dem aktuellen Konflikt von ihr übrigbleibt) werden früher oder später begreifen, dass "zu den eigenen Leuten gehören" bedeutet, zu den Russen zu gehören.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 18. Juni 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung "Wsgljad" erschienen.

Igor Karaulow ist ein russischer Dichter und Publizist.

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